Posts

ROTER HIMMEL

Bild
Ist es ein Kompliment, wenn man den neuesten Film von Christian Petzold mit den Worten lobt, er sei so "angenehm unpetzoldig"? Ich schätze, wenn du's so weit gebracht hast, dass dein Name als Verb oder Adjektiv benutzt wird, ist das zweitrangig. Und was genau damit gemeint ist, kann ich eh nur watteweich umreißen... irgendwie unprätentiös, das Spiel nicht so kühl distanziert, und, ach ja, nicht unwitzig. Der dargestellte Jungliterat Leon, gespielt von Thomas Schubert, dem schluffigsten Newcomer Deutschlands, der seine schwitzigen paar Pfund Überschuss mit herzallerliebster Körperklausigkeit durch MeckPomm schleift, wird vor lauter Passiv-Agressiveness von allen für ein Arschloch gehalten, vor allem von sich selbst. Und dann kommen zu den Versagensängsten und Schreibblockaden auch noch wirre Gefühle dazu. Das Setup hadernder Schreiberling kennt man irgendwie. Dass es trotzdem nicht im Klischee versackt, sondern man Schubert liebend gerne bei seinen peinsamen Verrenkungen u...

DER FUCHS

Bild
Hoffentlich läuft der jetzt überhaupt noch. Ist nämlich ein eher kleiner Film, mit einem eher kleinen Fuchs, zumindest über weite Strecken. Der junge Regisseur und Autor Goiginger erzählt hier von seinem Urgroßvater, der Soldat im "Kriege" war, zuerst an der Westfront, wo er den Fuchswelpen fand, später an der Ostfront, wo er den Fuchs nicht mit hinnehmen konnte. Stalingrad bleibt uns also diesmal erspart. Vermutlich besser so, auch aus Budget- und Tierschutzgründen. Es geht ohnehin nicht wirklich um den Krieg, der mehr als Kulisse dient, sondern um den Franz, der als Kind aus Armutsgründen weggegeben wird und den Fuchs als eine Art Therapietier nutzt, um darüber hinwegzukommen. Das ist einerseits empathisch und recht schön erzählt, mit einem sozial und kommunikativ rührend hilflosen jungen Mann (Simon Morzé), der unbedingt irgendwo dazugehören will, aber mit anderen Menschen einfach nix anfangen kann. Wobei hier und da doch zu üppig Melodramasoße vergossen wurde. Es ist halt...

SISI UND ICH

Bild
Man beachte: wenn Sisi und nicht Sissi draufsteht, handelt es sich um das Update. Nicht um die supersüße Romy mit den putzigen Hütchen und der nervigen echten Mama, die so helikoptermäßig drauf war, dass sie sogar noch im Film die nervige Mama geben musste. Aber ich schweife ab... (österreichisch prononzieren bittschön!) Aktuell kann man sich mit Sis(s)i-Stoffen totschmeißen, Serien, Romane, und jetzt auch noch fast parallel Stücker zwei Arthouse-Filme. Wieso eigentlich? Kann ja kein Zufall sein, muss also was mit der allgemein verbreiteten Bulimie-/Wellness-/ Selfie-/ Insta-/Egomania zu tun haben, als deren Vorreiterin (sic!) Elisabeth gesehen wird. "Corsage" zeigte schon deutlich die Kehrseiten des Kaiserinnendaseins, man ließ sich bei Hofe durch Doubles vertreten, sportelte und hungerte wie blöd mangels einer erlaubten anspruchsvollen Betätigung, umgab sich mit Gespielinnen und schwulen Königen/ Herzögen und war dennoch zeitlebens bloß des Flitscherl von Franzls Gnaden, eg...

TÁR

Bild
Manche finden ihn ja prätentiös. Klar, kann man drauf kommen, die edlen Bilder, die elitäre Grundhaltung der eisigen Hauptfigur, das beiläufige Fachgesimple übers Dirigieren, die unfassbar lässigen Hosenanzüge, allein die viel zu stylische Hütte, die sich Lydia Tár mit Nina Hoss, äh, ihrer Lebensgefährtin in Berlin teilt. Kennt man so nicht aus dem eigenen Umfeld. Vertrauter kommt einem da eher die kleine Butze vor, in die Madame sich zum Komponieren zurückzieht und wohl auch für das eine oder andere Schäferinnenstündchen, genau weiß man's nicht. Aber das grenzt ja dann auch eher an Slumming, denn die ätherische Cate B. in Neukölln ist so ziemlich der größtmögliche vorstellbare Culture Clash, da hätte es die versifften Nachbarn gar nicht gebraucht. Aber hey, nur wer hoch steht, kann tief fallen. Darum ergibt es schon Sinn, sich erstmal genüsslich in Társ Hybris zu suhlen, in der sie gewandt und ungetrübt von Selbstzweifeln Wokenessfallen meistert, unliebsame Kinder auf Deutsch ansc...

CLOSE

Bild
Wenn man den Heimweg vom Yorck Kino zum Schlesi bei Berliner Februarwetter plötzlich komplett zu Fuß geht, ohne es groß zu merken, weil man darüber diskutiert, ob das zwischen den beiden Jungs jetzt eine sich anbahnende schwule Liebesgeschichte oder "nur" eine sehr enge Freundschaft war, bedeutet das einerseits, dass der Film einen nicht so schnell loslässt, andererseits wird man man vielleicht allein durch dieses Gespräch schon Teil der Tragik, die in "Close" beschrieben wird. Nimmt teil am Einordnen und Bewerten, das zum Verlust der inneren Unschuld der Jungs führt und dadurch eine zerstörerische Kraft entfaltet. Auch genannt "Coming of Age". Die beiden Jungs waren so oder so einfach glücklich miteinander, schwebend in einem paradiesischen und hochvergänglichen Zustand, der anfangs hart an der Kitschgrenze daherkommt, aber das zahlt sich in dem Moment aus, wo sie straucheln, fallen, abstürzen. Wie der Film das zeigt, ganz präzise, nah und leise (bis auf ...

THE BANSHEES OF INISHERIN

Bild
Mein Eintrag zum Kinohype des Jahres steht noch aus. Bin etwas gehemmt, denn was soll man bitte schreiben, wenn sich die Weltpresse seit Wochen das Maul zerreißt, sämtliche Darsteller gerade mit Oscarnominierungen überhäuft wurden, bis nichts mehr oben rausguckt und den Film eh schon alle gesehen haben, die mehr als einmal im Jahrzehnt ins Kino gehen? Aber da muss ich halt durch, per Aspera ad Schafschere. Ich fand ihn nämlich AUCH gut, bäh, wie opportunistisch ist das denn. Und es ist auch kein aufgekochter "In Bruges" trotz selber Hauptdarsteller, zwar auch schwarzhumorig, aber weniger auf Lacher aus, sondern dunkel, simpel, existentiell, absurd und real zugleich. Man kann sich entspannt aussuchen, ob es um Freundschaft oder um Krieg oder um irische Sturheit oder um die menschliche Existenz und ihre Sinnhaftig- bzw. -losigkeit an sich geht, das schwingt alles mit in dieser Minigeschichte um vier Personen in einer existentiellen Krise, von der die Welt nichts bemerkt. Und da...

HOLY SPIDER

Bild
Irgendwie klang der Titel nach mehr Fun. So "Holy Guacamole"-mäßig. Das Thema wiederum ging ja durch die Presse und hätte das geschuite Auge natürlich abschrecken können, ein moralisch motivierter Prostituiertenmörder im Iran, da gibt es lustigere Einfälle. Aber der Film genießt seine eigene Häßlichkeit und die schmierige Banalität des Bösen schon sehr, zeigt die Erdrosselungen in langen, quälenden CloseUps... weiß nicht genau, ob ich das unbedingt gebraucht hätte, um zu verstehen, dass dieser Taxi Driver des nahen Ostens nicht ganz rund läuft. Nichtsdestotrotz geht Ali Abbasis Plan, eine kaputte, misogyne Gesellschaft zu zeigen, die dem Mörder und seinem "moralischen Ansatz" in großen Teilen recht gibt und sich damit mitschuldig macht, durchaus auf. Angesichts der aktuellen Widerstandsbewegung im Iran habe ich mich allerdings gefragt, ob das Problem wirklich immer noch in dem Maße die Gesellschaft ist, da ja auch viele Männer an der Seite der Frauen gegen die Unter...